Redaktionelle Hinweise von MeineGBU
Die Inhalte basieren auf ArbSchG, GDA-Systematik, Nohl-Risikomatrix und praktischer FaSi-Erfahrung. Inhaltsstand: 25.03.2026
Aufbau einer Gefährdungsbeurteilung
Eine vollständige Gefährdungsbeurteilung besteht aus mehreren Bestandteilen, die zusammen ein lückenloses Bild der Arbeitssicherheit in Ihrem Betrieb ergeben:
- Deckblatt: Unternehmen, Branche, Arbeitsbereich, Datum, Ersteller
- Gefährdungsermittlung: Systematische Erfassung aller Gefährdungen nach den 11 GDA-Gefährdungsfaktoren
- Risikobewertung: Einstufung jeder Gefährdung nach Eintrittswahrscheinlichkeit × Schadensschwere (Nohl-Matrix)
- Maßnahmenplan: Konkrete Schutzmaßnahmen nach STOP-Prinzip mit Verantwortlichen und Fristen
- Wirksamkeitsprüfung: Nachweis, dass die Maßnahmen greifen
- Rechtsgrundlagen: Zugeordnete Vorschriften (ArbSchG, BetrSichV, DGUV etc.)
Die folgenden Beispiele zeigen, wie die Gefährdungsermittlung und der Maßnahmenplan in verschiedenen Branchen typischerweise aussehen.
Die 7 Schritte der Gefährdungsbeurteilung nach GDA
Die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA) definiert sieben verbindliche Prozessschritte für die Gefährdungsbeurteilung. Alle Berufsgenossenschaften und die BAuA folgen dieser Systematik:
- Arbeitsbereiche und Tätigkeiten festlegen – Welche Arbeitsplätze und Tätigkeiten gibt es?
- Gefährdungen ermitteln – Welche Gefährdungen bestehen? (11 GDA-Faktoren als Checkliste)
- Gefährdungen beurteilen – Wie hoch ist das Risiko? (Nohl-Risikomatrix)
- Maßnahmen festlegen – Was muss getan werden? (STOP-Prinzip)
- Maßnahmen durchführen – Wer macht was bis wann?
- Wirksamkeit prüfen – Greifen die Maßnahmen?
- Fortschreiben – Aktualisierung bei Änderungen, nach Unfällen, regelmäßig
Die GDA-Leitlinie betont: Nicht die Anzahl der dokumentierten Gefährdungen ist entscheidend, sondern dass alle wesentlichen Gefährdungen erfasst und bewertet werden.
Die 11 GDA-Gefährdungsfaktoren: 1. Mechanische Gefährdungen, 2. Elektrische Gefährdungen, 3. Gefahrstoffe, 4. Biologische Gefährdungen, 5. Brand/Explosion, 6. Thermische Gefährdungen, 7. Physikalische Einwirkungen (Lärm, Vibration), 8. Arbeitsumgebung, 9. Physische Belastungen, 10. Psychische Belastungen, 11. Sonstige Gefährdungen
Beispiel: Handwerk (Tischlerei)
In einer Tischlerei mit 12 Mitarbeitern ergeben sich typischerweise folgende Gefährdungen:
| Gefährdung | GDA-Faktor | Risiko | Maßnahme (STOP) |
|---|---|---|---|
| Schnitt-/Schnittverletzungen an Kreissäge | 1 – Mechanisch | Hoch | T: Spaltkeil, Schutzhaube, Not-Aus · O: Unterweisung 2×/Jahr · P: Schnittschutzhandschuhe |
| Holzstaub (krebserzeugend, Kategorie 1) | 3 – Gefahrstoffe | Hoch | S: Staubarme Verfahren · T: Absauganlage an jedem Arbeitsplatz · O: Arbeitsmedizinische Vorsorge · P: FFP2-Maske |
| Lärm > 85 dB(A) an Maschinen | 7 – Physikalisch | Mittel | T: Lärmgedämmte Maschinen · O: Lärmbereich kennzeichnen · P: Gehörschutz (Pflicht ab 85 dB) |
| Stolper-/Sturzgefahr durch Materiallagerung | 1 – Mechanisch | Mittel | O: 5S-System, Ordnung am Arbeitsplatz · P: Sicherheitsschuhe S3 |
| Psychische Belastung durch Termindruck | 10 – Psychisch | Mittel | O: Realistische Terminplanung, regelmäßige Teambesprechungen |
Praxis-Tipp: In Tischlereien ist Holzstaub der kritischste Gefahrstoff – Hartholzstaub (Buche, Eiche) ist als krebserzeugend eingestuft. Die Absauganlage muss regelmäßig gewartet und die Wirksamkeit gemessen werden.
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Kostenlos startenBeispiel: Büroarbeitsplatz
Auch im Büro mit 25 Bildschirmarbeitsplätzen gibt es relevante Gefährdungen – oft unterschätzt:
| Gefährdung | GDA-Faktor | Risiko | Maßnahme (STOP) |
|---|---|---|---|
| Bildschirmarbeit > 6h/Tag (Augen, Muskulatur) | 9 – Physisch | Mittel | T: Höhenverstellbare Tische, ergonomische Stühle · O: Bildschirmpausen alle 50 Min. · P: Bildschirmarbeitsplatzbrille |
| Psychische Belastung (Zeitdruck, Überlastung) | 10 – Psychisch | Mittel | O: Arbeitsorganisation überprüfen, Mitarbeitergespräche, Pausenkultur |
| Stolpergefahr durch Kabel | 1 – Mechanisch | Gering | T: Kabelkanäle, kabellose Geräte · O: Ordnung am Arbeitsplatz |
| Raumklima (zu warm, zu kalt, zu trocken) | 8 – Arbeitsumgebung | Gering | T: Klimaanlage/Lüftung · O: Regelmäßige Temperaturmessung |
| Elektrische Gefährdungen (defekte Geräte) | 2 – Elektrisch | Gering | O: DGUV V3 Prüfung alle 2 Jahre · O: Defekte sofort melden |
Praxis-Tipp: Die psychische Gefährdungsbeurteilung (GB Psych) ist seit 2013 für ALLE Betriebe Pflicht – auch reine Bürobetriebe. Viele Unternehmen vergessen diesen Punkt, obwohl psychische Belastungen am Büroarbeitsplatz die häufigste Ursache für Krankschreibungen sind.
Beispiel: Pflege & Gesundheit
In einem ambulanten Pflegedienst mit 30 Beschäftigten sind die Gefährdungen besonders vielfältig:
| Gefährdung | GDA-Faktor | Risiko | Maßnahme (STOP) |
|---|---|---|---|
| Nadelstichverletzungen (Hepatitis, HIV) | 4 – Biologisch | Hoch | S: Sicherheitskanülen · T: Entsorgungsbehälter · O: Notfallplan, Impfangebot · P: Handschuhe |
| Heben/Tragen von Patienten (Rücken) | 9 – Physisch | Hoch | T: Lifter, Rutschbretter, Aufstehhilfen · O: Kinästhetik-Schulung · P: Rückengerechtes Arbeiten |
| Psychische Belastung (Schichtdienst, Sterbebegleitung) | 10 – Psychisch | Hoch | O: Supervision, Dienstplangestaltung, Pausenräume · P: Psychologische Beratung |
| Gefahrstoffe (Desinfektionsmittel, Medikamente) | 3 – Gefahrstoffe | Mittel | S: Hautschonende Desinfektionsmittel · O: Gefahrstoffverzeichnis · P: Schutzhandschuhe |
| Aggression durch Patienten/Angehörige | 11 – Sonstige | Mittel | O: Deeskalationstraining, Notrufsystem · O: Keine Alleinarbeit bei bekanntem Risiko |
Praxis-Tipp: Die BGW (Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege) legt besonderen Wert auf die Berücksichtigung psychischer Belastungen in der Pflege. Ein häufiger Grund für Beanstandungen bei Kontrollen.
Beispiel: Baustelle
Auf einer Hochbau-Baustelle sind die Risiken naturgemäß besonders hoch:
| Gefährdung | GDA-Faktor | Risiko | Maßnahme (STOP) |
|---|---|---|---|
| Absturzgefahr (Gerüste, Dacharbeiten) | 1 – Mechanisch | Sehr hoch | T: Gerüste mit Seitenschutz, Fangnetze · O: Gerüstprüfung vor Nutzung · P: PSAgA (Auffanggurt) |
| Herabfallende Gegenstände | 1 – Mechanisch | Hoch | T: Fangnetze, Schuttrutschen · O: Absperrungen, Warnhinweise · P: Schutzhelm (Pflicht) |
| Lärm durch Baumaschinen > 90 dB(A) | 7 – Physikalisch | Hoch | T: Lärmarme Geräte · O: Lärmbereich kennzeichnen, Expositionszeit begrenzen · P: Kapselgehörschutz |
| Baustaub (Quarz, Zement, Asbest) | 3 – Gefahrstoffe | Hoch | S: Staubarme Verfahren · T: Absaugung · O: Feuchtschneiden · P: FFP2/FFP3-Maske |
| Baustellenverkehr (Kran, LKW, Bagger) | 1 – Mechanisch | Hoch | T: Absperrungen, Leiteinrichtungen · O: Baustellenordnung, Einweiser · P: Warnweste |
Auf Baustellen müssen wechselnde Tätigkeiten, Arbeitsmittel und das Zusammenwirken mehrerer Unternehmen berücksichtigt werden. Halten Sie Beurteilung, Maßnahmen und Verantwortlichkeiten aktuell.
Beispiel: Gastronomie
In einem Restaurant mit Küche und 15 Beschäftigten ergeben sich folgende typische Gefährdungen:
| Gefährdung | GDA-Faktor | Risiko | Maßnahme (STOP) |
|---|---|---|---|
| Schnitt-/Stichverletzungen (Messer, Glas) | 1 – Mechanisch | Hoch | T: Sicherheitsmesserhalter · O: Bruchglasentsorgung · P: Schnittschutzhandschuhe |
| Verbrühungen/Verbrennungen (heißes Öl, Dampf) | 6 – Thermisch | Hoch | T: Spritzschutz, temperaturgeregelte Fritteusen · O: Unterweisung · P: Hitzeschutzhandschuhe |
| Rutschgefahr (nasse/fettige Böden) | 1 – Mechanisch | Mittel | T: Rutschhemmender Boden (R12) · O: Sofortige Reinigung bei Verschmutzung · P: Sicherheitsschuhe mit rutschhemmender Sohle |
| Rückenbelastung (Getränkekisten, langes Stehen) | 9 – Physisch | Mittel | T: Transporthilfen, Stehhilfen · O: Wechsel zwischen Stehen und Gehen · P: Ergonomische Schuhe |
| Psychische Belastung (Schichtdienst, Stress) | 10 – Psychisch | Mittel | O: Faire Dienstplanung, Pausenregelung, Teambesprechungen |
Praxis-Tipp: In der Gastronomie ist der Bodenbelag ein häufiger Streitpunkt bei Kontrollen. Die erforderliche Rutschhemmung hängt vom konkreten Arbeitsbereich und den Einwirkungen ab. Prüfen Sie die aktuelle ASR A1.5 und ihre Zuordnung der Arbeitsbereiche.
Risikomatrix nach Nohl (5×5)
Die Nohl-Risikomatrix ist das Standardwerkzeug zur Bewertung von Gefährdungen in Deutschland. Sie kombiniert zwei Faktoren:
- Eintrittswahrscheinlichkeit (1 = unwahrscheinlich bis 5 = sehr wahrscheinlich)
- Schadensschwere (1 = geringfügig bis 5 = katastrophal/tödlich)
Das Ergebnis ergibt eine Risikoklasse:
| Schaden 1 | Schaden 2 | Schaden 3 | Schaden 4 | Schaden 5 | |
|---|---|---|---|---|---|
| Wahrsch. 5 | Mittel | Hoch | Hoch | Sehr hoch | Sehr hoch |
| Wahrsch. 4 | Gering | Mittel | Hoch | Hoch | Sehr hoch |
| Wahrsch. 3 | Gering | Mittel | Mittel | Hoch | Hoch |
| Wahrsch. 2 | Gering | Gering | Mittel | Mittel | Hoch |
| Wahrsch. 1 | Gering | Gering | Gering | Mittel | Mittel |
Handlungsbedarf:
- Sehr hoch (rot): Sofortige Maßnahmen erforderlich, Tätigkeit ggf. einstellen
- Hoch (orange): Kurzfristig Maßnahmen umsetzen (innerhalb von 4 Wochen)
- Mittel (gelb): Mittelfristig Maßnahmen planen und umsetzen
- Gering (grün): Dokumentieren und beobachten, Maßnahmen optional
Maßnahmenplan: Das STOP-Prinzip
Für jede erkannte Gefährdung müssen Maßnahmen nach dem STOP-Prinzip (auch: Maßnahmenhierarchie nach § 4 ArbSchG) festgelegt werden. Die Rangfolge ist zwingend einzuhalten:
- S – Substitution: Kann die Gefährdung komplett beseitigt werden? (z.B. ungefährlicheres Material verwenden)
- T – Technische Maßnahmen: Schutzvorrichtungen, Absaugungen, Abtrennungen, Not-Aus-Schalter
- O – Organisatorische Maßnahmen: Unterweisungen, Betriebsanweisungen, Arbeitszeit-/Pausenregelungen, Wartungspläne
- P – Persönliche Schutzausrüstung (PSA): Schutzbrille, Gehörschutz, Handschuhe, Sicherheitsschuhe – immer nur als letztes Mittel!
Wichtig: Persönliche Schutzausrüstung ist immer nur die letzte Option. Technische und organisatorische Maßnahmen haben Vorrang. Häufiger Fehler: Unternehmen verteilen PSA ohne vorher technische Lösungen geprüft zu haben.
Das STOP-Prinzip ist keine Empfehlung, sondern gesetzlich verankert in § 4 ArbSchG. Bei einer BG-Kontrolle wird geprüft, ob die Maßnahmenhierarchie eingehalten wurde. Wer nur PSA einsetzt ohne technische Maßnahmen zu prüfen, riskiert Beanstandungen.
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Die obigen Beispiele zeigen: Eine vollständige Gefährdungsbeurteilung erfordert Fachwissen über branchenspezifische Gefährdungen, die korrekte Anwendung der Risikomatrix und die Kenntnis des STOP-Prinzips.
MeineGBU unterstützt die Vorbereitung eines Arbeitsentwurfs. Die KI:
- Bereitet typische Gefährdungen anhand Ihrer Branchen- und Tätigkeitsangaben auf
- Strukturiert Risikobewertungen nach der im Produkt verwendeten Nohl-Matrix
- Erstellt Maßnahmen nach dem STOP-Prinzip
- Nennt Rechtsgrundlagen, deren Aktualität und Anwendbarkeit fachkundig zu prüfen sind
- Liefert eine bearbeitbare Excel-Datei zur betrieblichen Anpassung und Prüfung
Optional können Sie Ihre GBU zusätzlich von einer Fachkraft für Arbeitssicherheit prüfen lassen – als Unterstützung der fachkundigen Bewertung.
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